Die galizisch-Lodomerische adelige Leibgarde 1772 - 1816
Als bei der ersten Teilung Polens 1772 zwischen Österreich, Russland und Preußen das Territorium Galizien-Lodomerien habsburgisch wurde, machte sich Kaiser Joseph II. Gedanken darüber, den galizischen Adel zu integrieren und für den Heeres- und Verwaltungsdienst zu schulen. Sein Ansinnen war es, eine „Galizische Nobelgarde“ nach Vorbild der Ungarischen adeligen Leibgarde einzurichten.[1] Umsetzen konnte er seine Idee aber erst, nachdem seine Mutter Maria Theresia im Jahr 1780 verstorben war.
Die galizische Nobelgarde trat mit 1. Januar 1782 in Funktion. Kaiser Joseph II. stellte für die Unterbringung der vorerst 40-köpfigen Truppe das ehemalige Kaiserspital am Rennweg in Wien zur Verfügung. Mit Eintritt in die Garde war automatisch der Rang eines Offiziers der k. k. Armee verbunden. Die Pferde der Gardisten wurden in den Stallungen des Unteren Belvedere untergebracht. Das mit 16. November 1782 datierte, auf feinstem Pergament geschriebene Errichtungsdiplom findet sich noch heute verwahrt in einer grünsamtenen Mappe und versehen mit dem roten Doppeladler-Siegel von Joseph II. in einer Messing-Siegelkapsel im Kriegsarchiv Wien.
Diese adelige Hofgarde wurde auch „Polnische Nobelgarde“, „Galizisch-Lodomerische Garde“ oder „Galizische Nobelgarde“ genannt. Ihre Aufgabe war es, neben dem repräsentativen Dienst für das Kaiserhaus als eine Pflanzschule für den Verwaltungsdienst zu fungieren. Es sollte eine Bildungsanstalt für junge polnische Edelleute sein. Die Gardisten mussten (wie auch jene der ungarischen adeligen Leibgarde) unverheiratet sein.
Die Stellung des Garde-Kapitäns wurde von Feldmarschall Felix Adam Kasimir Fürst Czatoryski-Sanguszko (1734-1823) wahrgenommen. Neben ihm gab es einen Kapitän-Leutnant, einen Oberleutnant, einen Unterleutnant und zwei Sekond-Wachtmeister. 40 Garden bildeten den Hauptkörper der Garde. Dazu kamen noch vier Trompeter, ein Adjutant, ein Rechnungsführer und verschiedene Reitknechte und Fouriere. Als Lehrpersonal dienten ein Arzt, ein Ingenieur, ein Französisch-, ein Deutsch- und ein Italienischlehrer sowie ein Tanzmeister. Die gesamte Garde bestand somit aus etwa 65 Personen.
Uniformiert waren die Gardisten sehr farbenprächtig mit einem orientalisch anmutenden Kostüm, das sich ganz nach der polnischen Nationaltracht richten sollte – Uniform und Ausrüstung von Mann und Pferd sollten „vollkommen pohlnisch“ gestaltet werden, wie Joseph II. schon 1781 entschied.[2] Ein blauer, mit Goldtressen besetzter Mantel bildete das Oberkleid. Die roten Ärmel des Unterkleides kamen durch den ärmellosen Mantel als Kontrastfarbe gut zur Geltung. Den Kopf bedeckte eine viereckige, mit Goldborten besetzte weiße Czapka mit weißem Haarbusch, dazu hohe Stiefel aus rotem Leder.
Der polnischen Tradition entsprechend wurde die kleine Truppe als Ulaneneinheit ausgerüstet. Die Bewaffnung bestand aus der Reiterlanze mit gelb-schwarzen Fähnlein, dem gelbmontierten Säbel, zwei Pistolen und einem Karabiner. Das Zaumzeug der Gardisten war äußerst kostbar ausgestattet. Der prächtige Sattel des Garde-Kapitäns, Fürst Felix Czatoryski, wird heute noch am Wawel in Krakau verwahrt.
Nach nicht einmal zehn Jahren musste der neue Kaiser Leopold II. feststellen, dass die hohen Erwartungen, die an dieser Garde hingen, besonders in Bezug auf Bildung größtenteils nicht erfüllt wurden. Die Möglichkeiten, sich in Wien anderwärtig zu unterhalten als durch Lernen, waren scheinbar zu verlockend. Leopold II. ordnete daher an, dass die eigenständige galizische Nobelgarde mit 1. Mai 1791 aufzulösen sei, um sie in die „Erste Arcièren-Leibgarde“ einzugliedern. Sie war dort zwar als eigene 40-köpfige galizische Abteilung integriert, büßte aber ihre Eigenständigkeit ein. Geändert hat diese Maßnahme an der geringen Freude am Dienst und an der Ausbildung allerdings nichts. In den Akten des Kriegsarchivs in Wien findet sich ein Schreiben aus dem Jahre 1804 mit folgendem Inhalt:
„Der bey der Arzierenleibgarde der galizischen Abtheilung bisher gestandenen Garde und Unterlieutnant Anton v. Dombrowsky wurde wegen seines Hanges zum Trunke, des Umganges mit lüderlichen Weibspersonen und wegen strafbaren Schuldenmachens nach der bestehenden Vorschrift von der Garde simpliciter entlassen.“[3]
Die galizische Gardeabteilung innerhalb der Arcieren-Leibgarde fand auch von galizischer Seite her wenig Zuspruch und es wurden kaum noch Aspiranten nach Wien für Gardedienst und Ausbildung entsandt. Der Stand der Garden war auf drei Personen, einen Premier-Wachtmeister, einen Adjutanten und einen Fourier gesunken. Daher sah sich Kaiser Franz II. (Franz I.) veranlasst, die galizische Nobelgarde mit Schreiben vom 20. Juli 1816 formell aufzulösen.[4]
[1] Urrisk-Obertynski, Leibgarden; Gestrich, Leibgarden, S. 41-63.
[2] Zit. nach Gestrich, Leibgarden, S. 53.
[3] KA Wien, Galizische Adelige Leibgarde, Ktn. 3, 39 ex Februario 1804, Vortrag zur Sitzung vom 7.2.1804.
[4] Urrisk-Obertynski, Leibgarden, S. 177-179.
Säbel für Ober-Offiziere der Galizisch-Lodomerischen Leibgarde
Die Form des Gefäßes lehnt sich an das 1716er Pallasch-Gefäß an. Die Parierstange mit rhombischen Griff und Klingenstegen winkelt sich vorne in den aufwärts strebenden, mit einer Perlenschnur besetzten Bügel ab. An der Vorderseite der Parierstange findet sich ein ebenfalls mit Perlenschnur eingefasstes, durchbrochenes Stichblatt, das einen plastisch ausgeformten, mit Schleifen verzierten Siegeskranz darstellt. An der Rückseite ist ein Daumenring angebracht, der grundsätzlich schon in den 1760er Jahren als abgeschafft galt. Auch dieser ist mit einer Perlenschnur geschmückt. Auf der oben abgeflachten, tropfenförmigen Griffkappe zeigt sich ein durchbrochen und plastisch ausgeformter Doppelkopfadler mit dem galizisch-lodomerischen Wappen im Herzschild, der ebenso von einer etwas geringer gehaltenen Perlenschnur eingefasst ist. Das hölzerne Griffstück selbst ist wie gewöhnlich mit schwarzem Leder überzogen.
Überaus kunstvoll gestaltet zeigt sich die 80 cm lange, mit Hohlschliff und schmaler Blutrinne versehene und 3,8 cm breite Säbelklinge. Vom Ansatz weg sind die ersten 6 cm vergoldet und mit ornamentaler Gravur versehen. Die nächsten 16 cm sind gebläut und zeigen außen den überkrönten Doppeladler mit dem galizisch-lodomerischen Wappen im Herzschild. Auf der Innenseite findet sich der allerhöchste bekrönte Namenszug „J II“ von Kaiser Joseph II. Beide Zierelemente sind im Gravur-Verfahren in die Klinge eingelassen und feuervergoldet.
Auch die hölzerne Scheide, mit schwarzem Leder überzogen, ist sehr kunstvoll gestaltet. Die drei die Scheide umfangenden Bänder sind mit einem Siegeskranz verziert und halten die vordere Scheidenabdeckschiene. Das kurze Mundstück ist ebenfalls mit einer Girlande versehen. In der Aufnahme für die Klingenlappen findet sich die bei Gardewaffen übliche Seriennummer. Das abgeflachte Ortblech ist wie die Ringbänder gestaltet und wird am unteren Ende mit einem fächerförmigen Strauß abgeschlossen. An den oberen beiden Ringbändern sind durch angelötete Ösen bewegliche Trageringe gezogen. Wilhelm Erben beschließt seine (unter der Überschrift „Säbel für Offiziere der galizisch-lodomerischen Leibgarde“) Beschreibung dieses prachtvollen Säbels mit dem Eintrag „Eigenthum der Stadt Wien“.[1]
Dieser von Erben als „Offizierssäbel“ bezeichnete Säbel scheint als Seitenwaffe für die Ober-Offiziere (also Garde-Kapitän, Kapitän-Leutnant, Oberleutnant, Unterleutnant und die zwei Second-Wachtmeister) gedient zu haben.
[1] Erben Wilhelm, Katalog des k. und k. Heeres-Museums, Wien 1899, Seite 191.
Säbel für Garden der galizisch-lodomerischen Leibgarde
Zu der Zeit, als Dr. Wilhelm Erben Direktor des k. k. Heeres-Museums (heute Heeresgeschichtliches Museum) in Wien war, wurden dort neben dem oben beschriebenen Offizierssäbel noch drei weitere Säbel der galizisch-lodomerischen Garde gezeigt und in seinem 1899 erschienenen Museumskatalog beschrieben.
Dieser einfachere Gardesäbel wurde offensichtlich von den 40 Garden geführt, die aber in der Armee ebenfalls den Offiziersrang innehatten. Er gleicht vom Aufbau her dem Offizierssäbel, nur fehlen die Zierelemente in Form der aufgelegten Perlenschnüre und des Doppeladlers als Abschluss der abgeflachten Griffkappe. Die Klinge wird von den beiden schmäleren Hohlschliffen in drei gleich breite Teile geteilt. Der dem Klingenrücken näherliegende Hohlschliff unterteilt sich ab dem ersten Drittel in zwei weitere Blutrinnen. Die Gravuren des Doppeladlers mit galizisch-lodomerischem Wappen und des Monogramms des Kaisers „J II“ finden sich ebenso im ersten Klingendrittel wie beim Offizierssäbel, nur dass dieser Bereich weder gebläut noch vergoldet ist. Am Klingenrücken signierte die Fabrik von Melchior Steiner mit „Pottenstein“. Ein weiteres, damals im Besitz des Heeres-Museums gewesenes Exemplar trug am Klingenrücken die Signatur des Georg Mayshofer in Steyr. Auch die Scheide gleicht jener der Offiziere, sie ist aber etwas einfacher gehalten. Alle Messingteile an Scheide und Gefäß waren im Feuer vergoldet.
Beim dritten im Museumskatalog beschriebenen Säbel führt Erben wieder den Vermerk „Eigenthum der Stadt Wien“ an.[1]
Anton Dolleczek hat von den prunkvollen Seitenwaffen dieser Garde jeweils eine Handzeichnung angefertigt, jedoch den Oberoffiziers-Säbel fälschlicherweise mit „Säbel für Offiziere des k. k. Uhlanen-Frei-Corps“ betitelt. Den Säbel für die 40 Garden bezeichnete er mit „Säbel f. Mannschaft des Uhlanen-Frei-Corps“.
Kaum leserlich mit Bleistift hat er sich unter dem Haupttitel eine Notiz gemacht die mit “Gal.Lod. Garde” zu entziffern ist. Scheinbar hat er später seine fälschliche Zuordnung erkannt.