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Die wehrhaften Wiener um 1571

Die wehrhaften Wiener

  1. Einleitung

Über Jahrhunderte hinweg bildeten die Bürgerwehren einen wesentlichen Bestandteil der städtischen Sicherheits- und Verteidigungsorganisation im deutschsprachigen Raum. Auch in Wien entwickelte sich aus den mittelalterlichen Verpflichtungen der wehrfähigen Bürgerschaft eine Institution, die sowohl militärische als auch repräsentative Aufgaben erfüllte. Die Wiener Bürgergarde war nicht nur für die Verteidigung der Stadt von Bedeutung, sondern verkörperte zugleich das Selbstverständnis und den politischen Einfluss der städtischen Bürgerschaft.

Im Verlauf ihrer Geschichte unterlag die Bürgergarde zahlreichen organisatorischen und militärischen Veränderungen. Die Entwicklung neuer Waffen, die Professionalisierung des Militärwesens sowie die Reformen des habsburgischen Staates wirkten sich unmittelbar auf ihre Struktur und Aufgaben aus. Dennoch blieb die Bürgerwehr bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts ein fester Bestandteil des öffentlichen Lebens Wiens.

Die Geschichte der Wiener Bürgergarde spiegelt zugleich die Entwicklung der Stadt selbst wider: vom mittelalterlichen Gemeinwesen über die Residenzstadt der Habsburger bis hin zur modernen Hauptstadt eines zentralisierten Staates. Ihre Uniformen, Waffen und Organisationsformen dokumentieren nicht nur militärische Entwicklungen, sondern auch gesellschaftliche und politische Veränderungen innerhalb der Wiener Bürgerschaft.

  1. Die Anfänge der Wiener Bürgerwehr

Die Ursprünge der Wiener Bürgerwehr reichen bis in die Zeit der Babenberger zurück. Bereits im Mittelalter wurden die Bürger der Stadt verpflichtet, im Bedarfsfall zur Verteidigung der Stadtmauern und Stadttore beizutragen. Die Bewachung der Zugänge zur Stadt sowie die Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung gehörten zu den grundlegenden Pflichten der wehrfähigen männlichen Bevölkerung.

Diese Form des Bürgeraufgebots war zunächst keine militärische Organisation im modernen Sinn, sondern beruhte auf der allgemeinen Wehrpflicht der Stadtbewohner. Jeder Bürger hatte Waffen und Ausrüstung auf eigene Kosten bereitzuhalten und im Alarmfall unverzüglich zu den festgelegten Sammelplätzen zu erscheinen. Die Alarmierung erfolgte durch das Läuten der Sturmglocken, deren Signal die Bevölkerung zum unverzüglichen Ausrücken verpflichtete.

Mit dem Wachstum Wiens und der zunehmenden Bedeutung der Stadt entwickelte sich aus diesen ursprünglich improvisierten Verteidigungsmaßnahmen eine dauerhafte Organisation. Im Laufe der Frühen Neuzeit entstand eine strukturierte Bürgerwehr mit festgelegten Aufgaben, Dienstgraden und Ausrüstungsbestimmungen. Die Stadtverwaltung übernahm dabei zunehmend die Organisation und Kontrolle dieser bewaffneten Bürgerverbände.

Eine besondere Stellung nahm der Wiener Bürgermeister ein, der seit 1658 den Titel eines „Obersten der Bürgerwehr“ führte. Die militärische Führung lag jedoch weiterhin beim jeweiligen Stadtkommandanten, wodurch die Bürgergarde in die allgemeine Verteidigungsorganisation der Stadt eingebunden blieb.

  1. Die Bürgergarde in der Frühen Neuzeit

Bereits im 16. Jahrhundert trat die Wiener Bürgergarde regelmäßig bei öffentlichen Feierlichkeiten und repräsentativen Anlässen in Erscheinung. Die Teilnahme an Herrschereinzügen, Hochzeiten und diplomatischen Empfängen gehörte zu ihren wichtigsten Aufgaben außerhalb des eigentlichen Verteidigungsdienstes.

Ein bedeutendes Zeugnis für das Erscheinungsbild der Bürgergarde stammt aus dem Jahr 1571. Anlässlich des feierlichen Einzugs von Erzherzog Karl II. von Innerösterreich und seiner Gemahlin Maria Anna von Bayern entstanden mehrere zeitgenössische Darstellungen, auf denen auch Angehörige der Wiener Bürgergarde abgebildet sind.

Besondere Aufmerksamkeit verdient ein Holzschnitt, der den Wiener Bürgermeister Hanns von Thau zu Pferde zeigt. Begleitet wird er von vier bewaffneten Bürgern, die unterschiedliche Funktionen innerhalb der Garde repräsentieren. Zwei von ihnen führen Hellebarden und Degen, während die beiden anderen mit schweren Hakenbüchsen bewaffnet sind.

Die Darstellung vermittelt ein eindrucksvolles Bild vom Selbstverständnis der Wiener Bürgerschaft. Die Ausrüstung des Bürgermeisters und seiner Begleiter ist außerordentlich repräsentativ gestaltet. Das Pferd trägt reich verziertes Zaumzeug und einen aufwendig ausgestatteten Sattel. Der Bürgermeister erscheint in kostbarer Kleidung, ergänzt durch Kürass und weitere Teile einer zeitgenössischen Schutzbewaffnung. Ein hoher Federbusch sowie ein Kommandostab unterstreichen seine hervorgehobene Stellung.

Auch die Gardisten selbst sind aufwendig gekleidet. Ihre geschlitzten Kniehosen, reich verzierten Wämser und federgeschmückten Kopfbedeckungen entsprechen der zeitgenössischen Mode wohlhabender Bürger. Die Darstellung verdeutlicht, dass die Bürgergarde nicht nur eine militärische Einrichtung war, sondern zugleich als sichtbarer Ausdruck städtischen Wohlstands und bürgerlichen Selbstbewusstseins fungierte.

Im Verlauf des 17. und 18. Jahrhunderts gewann diese repräsentative Funktion zunehmend an Bedeutung. Die Bürgergarde entwickelte sich zu einem festen Bestandteil öffentlicher Zeremonien und festlicher Veranstaltungen, ohne jedoch ihre ursprüngliche Aufgabe als Verteidigungsorganisation vollständig aufzugeben.

Der Wiener Bürgermeister Johann Thau als Oberst über ein Regiment Bürger

Einen Hinweis über das Auftreten der wehrhaften Wiener gibt uns eine Bilderserie welche zum Ereignis des Empfanges der Braut des Durchlauchtigsten Fürsten Erzherzog Carl in Wien im Jahre 1571 entstanden ist. Der Bürgermeister als Oberst eines Regiments der Wiener Bürger hoch zu Roß wird von vier Trabanten begleitet. Zwei Helebardenträger und zwei Arkebusiere flankieren das Pferd des Bürgermeisters in ihren prächtigen Kleidern.

  1. Organisation, Aufgaben und Bewaffnung

Die Wiener Bürgergarde besaß eine klar gegliederte militärische Struktur. Ihre Angehörigen wurden entsprechend ihrer Funktion und ihres Dienstgrades mit unterschiedlichen Waffen und Ausrüstungsgegenständen versehen. Die Bereitstellung der Ausrüstung erfolgte gegen Entgelt durch das städtische Zeughaus.

An der Spitze der Formation standen die Offiziere. Sie führten als Rangabzeichen sogenannte Spontons oder Halbpiken. Diese Stangenwaffen dienten weniger dem Kampf als vielmehr der Kennzeichnung der militärischen Stellung ihres Trägers. Je nach Dienstgrad waren sie mit unterschiedlich gestalteten Quasten aus Goldgespinst versehen. Als Seitenwaffe trugen die Offiziere einen Degen. Zur äußerlichen Kennzeichnung ihrer Zugehörigkeit diente zunächst eine rote, später eine gelbe Feldbinde.

Die Unteroffiziere waren an ihren Hellebarden zu erkennen. Diese vielseitigen Stangenwaffen verfügten über eine Stoßspitze, ein Beil sowie einen rückwärtigen Haken und eigneten sich sowohl für den Kampf als auch für Ordnungs- und Wachaufgaben.

Die Gefreiten führten Piken mit rot gestrichenen Schäften als Hauptwaffe. Ergänzt wurde ihre Ausrüstung durch einen Degen sowie verschiedene Schutzwaffen, darunter Halbharnische und eiserne Helme. Mit der Einführung des Düllenbajonetts verlor die Pike jedoch zunehmend an Bedeutung und verschwand schließlich aus dem militärischen Gebrauch.

Den zahlenmäßig größten Teil der Bürgergarde bildeten die Musketiere. Sie waren mit schweren Luntenschlossmusketen ausgerüstet, die aufgrund ihres Gewichts beim Schießen auf einer Stützgabel aufgelegt werden mussten. Zur Ausrüstung gehörten Pulverbehälter, Kugelbeutel und Zündkrautflaschen, die an einem über die Schulter getragenen Riemen befestigt waren. Im Jahr 1711 wurden diese veralteten Waffen durch moderne Steinschlossflinten ersetzt. Mit dieser Umstellung setzte sich auch die Bezeichnung „Füsiliere“ für die Träger der neuen Feuerwaffen durch.

Eine besondere Stellung nahmen die sogenannten Tartschiere ein. Sie waren mit Langschild, Degen und Halbharnisch ausgerüstet und stellten eine spezialisierte Formation innerhalb der Bürgerwehr dar. Aus ihnen entwickelte sich später eine eigenständige Garde, deren charakteristische Waffe die Couse war – eine Stangenwaffe mit breiter, messerartiger Klinge.

Die höheren Stabsoffiziere verfügten darüber hinaus über eigene Leibwachen. Diese sogenannten Leibschützen wurden von den Offizieren selbst besoldet und waren mit gezogenen Jagdstutzen sowie Hirschfängern ausgestattet. Ihre Aufgabe bestand im persönlichen Schutz der Kommandanten sowie in repräsentativen Funktionen.

Neben ihrer militärischen Aufgabe erfüllte die Bürgergarde zahlreiche sicherheits- und ordnungspolizeiliche Funktionen. Sie unterstützte die Bewachung der Stadttore, beteiligte sich an der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und stellte im Verteidigungsfall einen wichtigen Bestandteil der städtischen Wehrkraft dar. Gleichzeitig blieb sie über Jahrhunderte hinweg ein sichtbares Symbol des Selbstverständnisses und der politischen Bedeutung der Wiener Bürgerschaft.

Offiziers-Partisanen und Sponton
Offiziers-Helmbarte 17. Jhdt.
Unteroffiziers-Helmbarte 16. Jhdt.
Offiziersdegen mit Fischschwanzknauf 17. Jhdt.
Offiziers-Harnisch mit Zischegge 17. Jhdt.
Setztartsche (Pavese) 15. Jhdt.
  1. Stadtguardia und Rumorwache

Mit dem Wachstum Wiens und der zunehmenden Komplexität städtischer Verwaltungsaufgaben stieß das traditionelle Bürgeraufgebot zunehmend an seine Grenzen. Besonders der Wachdienst an den Stadttoren sowie die nächtlichen Patrouillen wurden von vielen Bürgern als belastende Verpflichtung empfunden. Die Stadtverwaltung begann daher bereits im 16. Jahrhundert, professionelle Soldaten für bestimmte Sicherheitsaufgaben heranzuziehen.

Aus diesen Bestrebungen entstand im Jahr 1569 die Wiener Stadtguardia. Sie stellte die erste dauerhaft besoldete Wachtruppe der Stadt dar und wurde zunächst aus städtischen Mitteln finanziert. Ab 1582 beteiligte sich auch das kaiserliche Ärar an ihrer Finanzierung. Die Angehörigen der Stadtguardia verrichteten ihren Dienst sowohl tagsüber als auch während der Nachtstunden. Zu ihren Aufgaben gehörten die Bewachung der Stadttore, die Durchführung von Kontrollgängen innerhalb der Stadt sowie die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung.

Die Hauptwache der Stadtguardia befand sich am Petersplatz. Von dort aus wurden die Wachmannschaften zu ihren Rundgängen entsandt. Trotz ihrer Bedeutung war die Stadtguardia wiederholt Gegenstand öffentlicher Kritik. Beschwerden über mangelhafte Dienstverrichtungen und organisatorische Defizite führten schließlich zu weiteren Reformmaßnahmen.

Als Reaktion auf diese Probleme wurde im Jahr 1646 die sogenannte Rumor- und Stadtsicherheitswache geschaffen. Ihre Aufgabe bestand darin, jene Bereiche der öffentlichen Sicherheit zu überwachen, die von der Stadtguardia nicht oder nur unzureichend wahrgenommen wurden. Die neue Organisation unterstand ebenfalls städtischer Kontrolle und ergänzte die bestehenden Sicherheitsstrukturen.

Die Hauptwache der Rumorwache befand sich am Neuen Markt. Ihre Angehörigen wurden aus dem Kaiserlichen Zeughaus mit Gewehren und Stöcken ausgestattet. Die Uniform bestand aus einem schwarzen Hut, einem grauen Rock mit gelben Aufschlägen sowie grünen Beinkleidern. Die auffälligen gelben Uniformteile führten dazu, dass die Angehörigen der Rumorwache von den Soldaten der Stadtguardia spöttisch als „Schwefelbande“ bezeichnet wurden.

Im Zuge der Verwaltungs- und Militärreformen Maria Theresias wurde die Stadtguardia mit Dekret vom 20. November 1741 aufgehoben. Die Rumorwache blieb zunächst bestehen, wurde jedoch 1773 ebenfalls aufgelöst. Ihre Aufgaben gingen schließlich auf die neu geschaffene kaiserlich-königliche Militär-Polizeiwache über, die ab 1775 für die innere Sicherheit der Stadt verantwortlich war.

Obwohl diese professionellen Sicherheitsorganisationen einen bedeutenden Teil der öffentlichen Ordnung gewährleisteten, blieb die Bürgergarde weiterhin ein wichtiger Bestandteil der Wiener Verteidigungsorganisation und behielt ihre militärischen sowie repräsentativen Aufgaben.

Der Petersplatz mit der Peterswache, dem Standort der Wiener Stadtguardia
  1. Das Bürgerliche Zeughaus

Die militärische Einsatzfähigkeit der Wiener Bürgergarde beruhte wesentlich auf den Beständen des städtischen Zeughauses. Bereits früh erkannte die Stadtverwaltung die Notwendigkeit, Waffen, Munition und Schutzausrüstung zentral zu lagern und instand zu halten.

Ursprünglich befand sich das städtische Waffenarsenal im Alten Rathaus in der Wipplingerstraße. Mit dem Anwachsen der Bestände wurde jedoch ein größerer Standort erforderlich. Aus diesem Grund wurde das Bürgerliche Zeughaus am Platz „Am Hof“ errichtet, das in den folgenden Jahrhunderten zum Zentrum der militärischen Ausrüstung der Wiener Bürgerschaft wurde.

Hier lagerten große Mengen an Harnischen, Helmen, Feuerwaffen, Blankwaffen und weiterer militärischer Ausrüstung. Die Bestände dienten sowohl der Bürgergarde als auch anderen städtischen Sicherheitsorganisationen. Darüber hinaus wurden dort Ersatzwaffen und Ausrüstungsgegenstände für Krisenzeiten vorgehalten.

Das Zeughaus war nicht nur ein militärisches Depot, sondern zugleich Ausdruck der Wehrhaftigkeit und des Selbstbewusstseins der Wiener Bürgerschaft. Die Fähigkeit, umfangreiche Waffenbestände zu unterhalten und auszurüsten, galt als sichtbares Zeichen städtischer Autonomie und wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit.

Ein bedeutender Teil dieser historischen Bestände blieb bis in die Gegenwart erhalten. Viele Waffen und Rüstungen werden heute in den Sammlungen des Wien Museums verwahrt und geben wertvolle Einblicke in die Geschichte der Wiener Bürgerwehr.

Das Wiener bürgerliche Zeughaus am Hof. Neubau von Anton Ospel 1732. Ein Stich von Salomon Kleiner.
  1. Die Bürgergarde als Repräsentationskorps

Neben ihren militärischen Aufgaben erfüllte die Wiener Bürgergarde über Jahrhunderte hinweg eine wichtige repräsentative Funktion. Bei feierlichen Anlässen, Herrschereinzügen, Krönungen und diplomatischen Empfängen trat sie als sichtbarer Ausdruck städtischen Selbstbewusstseins in Erscheinung.

Insbesondere in der Residenzstadt Wien, die als politisches Zentrum der Habsburgermonarchie eine Vielzahl hochrangiger Gäste empfing, kam der Bürgergarde eine bedeutende Rolle bei der öffentlichen Inszenierung von Macht und Ordnung zu. Ihre Angehörigen bildeten Ehrenformationen, begleiteten feierliche Umzüge und trugen durch ihre Uniformen und Waffen wesentlich zum repräsentativen Charakter solcher Veranstaltungen bei.

Die Bürgergarde war dabei weit mehr als eine militärische Formation. Ihre Auftritte dienten zugleich der Selbstdarstellung der Wiener Bürgerschaft, die ihre wirtschaftliche Stärke und politische Bedeutung sichtbar machen wollte. Prächtige Uniformen, reich verzierte Waffen und aufwendig ausgestattete Pferde gehörten daher ebenso zum Erscheinungsbild der Bürgerwehr wie ihre militärische Ausrüstung.

Ein besonders eindrucksvolles Beispiel stellt der feierliche Einzug eines osmanischen Gesandten im Jahr 1740 dar. Bei diesem Anlass präsentierte sich die berittene Bürgergarde in voller Ausrüstung mit Kürassen, Helmen und repräsentativen Waffen. Solche Auftritte machten die Bürgerwehr zu einem wichtigen Bestandteil der höfischen und städtischen Festkultur.

Im Laufe des 18. Jahrhunderts gewann dieser repräsentative Charakter zunehmend an Bedeutung. Während die militärische Rolle der Bürgerwehr angesichts der Professionalisierung der Armeen allmählich zurücktrat, blieb ihre Funktion als Träger städtischer Traditionen und Zeremonien weiterhin erhalten.

Aufmarsch der Bürgergarde am Platz am Hof
  1. Uniformen und Korps im 18. Jahrhundert

Das 18. Jahrhundert war von tiefgreifenden Veränderungen innerhalb der Wiener Bürgergarde geprägt. Neben organisatorischen Reformen kam es wiederholt zu Anpassungen der Uniformen und zur Bildung neuer Korps.

Eine bedeutende Neuuniformierung erfolgte im Jahr 1760. Die Angehörigen des Bürgerregiments erhielten nun blaue Röcke, während die einzelnen Stadtviertel beziehungsweise Korps durch unterschiedlich gefärbte Beinkleider voneinander unterschieden wurden. Diese Maßnahme erleichterte die Identifizierung der einzelnen Formationen und verlieh der Bürgergarde zugleich ein einheitlicheres Erscheinungsbild.

Die Scharfschützen behielten ihre bisherige Uniformierung weitgehend bei. Die Spielleute, die für die musikalische Begleitung militärischer und repräsentativer Veranstaltungen verantwortlich waren, trugen rote Röcke und weiße Westen. Auch dadurch wurde ihre besondere Funktion innerhalb der Bürgerwehr hervorgehoben.

Anlässlich der Krönungsfeierlichkeiten für Joseph II. entstand im Jahr 1764 ein eigenes Ungarisches Korps. Seine Angehörigen erschienen in ungarischer Nationaltracht und standen unter dem Kommando eines Oberleutnants. Die Aufstellung dieses Korps verdeutlicht die enge Verbindung zwischen höfischer Repräsentation und bürgerlicher Traditionspflege.

Gegen Ende des Jahrhunderts wurde die Uniformierung erneut angepasst. Um 1790 trugen die Angehörigen des Bürgerregiments blaue Röcke mit roten Stehkrägen. Gleichzeitig erreichte die Bürgergarde mit rund 7.000 Mann ihre größte personelle Stärke.

Die militärische Führung lag weiterhin beim Bürgermeister der Stadt Wien, der als Oberst der Bürgerwehr fungierte. Ihm standen ein Oberstwachtmeister, mehrere Hauptleute, Leutnants und Fähnriche zur Seite. Das Unteroffizierskorps umfasste zahlreiche Feldwebel und Korporäle.

Neben den regulären Infanterieeinheiten bestanden mittlerweile spezialisierte Formationen wie Scharfschützen-, Artillerie- und Ungarische Korps. Hinzu kamen Zimmerleute, Musiker und weitere Fachkräfte, die für den militärischen Betrieb notwendig waren. Diese zunehmende Spezialisierung verdeutlicht den organisatorischen Wandel der Bürgerwehr am Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert.

Trotz aller Veränderungen blieb die Bürgergarde eine Institution der Wiener Bürgerschaft. Ihre Uniformen und Korps spiegelten nicht nur militärische Entwicklungen wider, sondern auch das Selbstverständnis einer städtischen Gemeinschaft, die ihre Traditionen und ihre besondere Stellung innerhalb der Monarchie sichtbar zum Ausdruck bringen wollte.

Offiziers-Degen aus der Zeit Maria Theresias
Offiziers-Degen aus der Zeit Maria Theresias
Kadetten-Degen aus der Zeit Maria Theresias
Kadetten-Degen aus der Zeit Maria Theresias
Gemeiner vom bürgerlichen ungarischen Corps 1806
Säbel für das bürgerlich-ungarische Corps

9. Reformen und Neuorganisation um 1800

Der Beginn des 19. Jahrhunderts brachte für die Wiener Bürgergarde tiefgreifende organisatorische und strukturelle Veränderungen mit sich. Die politischen und militärischen Entwicklungen Europas, insbesondere die Auswirkungen der Französischen Revolution und die beginnenden Koalitionskriege gegen Frankreich, machten eine Anpassung der bestehenden Verteidigungsorganisation erforderlich.

Im Zuge dieser Reformen wurde die Bürgerwehr erweitert und stärker differenziert gegliedert. Neben den bereits bestehenden Formationen entstanden neue Spezialkorps, die sowohl militärischen als auch repräsentativen Aufgaben dienten. Diese Entwicklung spiegelte den Wunsch wider, die Bürgergarde an die zeitgenössischen militärischen Standards anzupassen und zugleich ihre traditionsreiche Stellung innerhalb der Wiener Stadtgesellschaft zu bewahren.

Zu den bedeutendsten Neuerungen gehörte die Aufstellung zusätzlicher Scharfschützenkorps. Neben den bereits bestehenden ritterlich-bürgerlichen grünen Scharfschützen entstand um 1800 das sogenannte Natorpsche ritterlich-bürgerliche graue Scharfschützenkorps. Beide Einheiten galten als besonders angesehen und zogen vor allem Angehörige wohlhabender und einflussreicher Bürgerkreise an.

Gleichzeitig wurde ein neues Kavalleriekorps aufgestellt, das die Möglichkeiten der Bürgerwehr im Bereich berittener Dienste erweiterte. Seine Angehörigen wurden nach militärischem Vorbild ausgerüstet und nahmen sowohl an Sicherungsaufgaben als auch an repräsentativen Veranstaltungen teil.

Darüber hinaus entstand ein Korps der nichtbürgerlichen Gewerbetreibenden. Die Einbindung dieser Bevölkerungsgruppe verdeutlicht die Bemühungen, die Verteidigungsorganisation der Stadt auf eine breitere gesellschaftliche Grundlage zu stellen. Damit überschritt die Bürgerwehr zunehmend die traditionellen Grenzen des Bürgerstandes.

Die Reformen um 1800 führten insgesamt zu einer stärkeren Spezialisierung der einzelnen Formationen. Scharfschützen, Kavalleristen, Artilleristen und weitere Sonderkorps ergänzten die regulären Infanterieeinheiten und verliehen der Wiener Bürgergarde ein deutlich moderneres Erscheinungsbild.

10. Die Bürgerwehr in den Napoleonischen Kriegen

Die Zeit der Napoleonischen Kriege stellte die Wiener Bürgergarde vor ihre größte Bewährungsprobe seit Jahrhunderten. Die wiederholten militärischen Konflikte zwischen der Habsburgermonarchie und Frankreich führten dazu, dass die Bürgerwehr mehrfach mobilisiert und in die Verteidigungsmaßnahmen der Hauptstadt eingebunden wurde.

Besonders in den Jahren 1797, 1800, 1805, 1806 und 1809 wurde die Wiener Bürgerschaft zum Dienst herangezogen. Die Aufgaben der Bürgergarde bestanden dabei vor allem in der Sicherung der Stadt, der Bewachung militärischer Einrichtungen sowie der Unterstützung regulärer Truppen bei Garnisonsdiensten innerhalb der Befestigungsanlagen.

Obwohl die Bürgerwehr grundsätzlich nicht als Feldtruppe vorgesehen war, stellte sie einen wichtigen Bestandteil der militärischen Reserve dar. Durch ihre Präsenz konnten reguläre Einheiten für andere Einsätze freigestellt werden. Darüber hinaus trug die Bürgergarde zur Aufrechterhaltung von Ordnung und Sicherheit innerhalb der Stadt bei, insbesondere in Zeiten erhöhter politischer und militärischer Spannungen.

Die Bedrohung durch die napoleonischen Armeen führte zu einer verstärkten Bedeutung der städtischen Verteidigungsorganisation. Die Bürgerwehr wurde in dieser Zeit erneut als wesentlicher Bestandteil der Wiener Sicherheitsarchitektur wahrgenommen und gewann vorübergehend wieder jene militärische Bedeutung, die sie in früheren Jahrhunderten besessen hatte.

Auch nach dem Ende der unmittelbaren Kampfhandlungen blieb die Bürgergarde ein wichtiger Bestandteil des öffentlichen Lebens. Während des Wiener Kongresses von 1814 bis 1815 wurde sie bei zahlreichen Hoffeierlichkeiten, Empfängen und Zeremonien eingesetzt. Die Anwesenheit hochrangiger europäischer Monarchen und Diplomaten bot der Wiener Bürgerschaft Gelegenheit, ihre traditionsreiche Bürgerwehr in repräsentativer Form zu präsentieren.

Der Wiener Kongress markierte zugleich den Höhepunkt der öffentlichen Wahrnehmung der Bürgergarde im frühen 19. Jahrhundert. Ihre Auftritte verbanden militärische Tradition mit höfischer Repräsentation und unterstrichen die Bedeutung Wiens als politisches Zentrum Europas.

11. Die Grundverfassung von 1806

Einen wesentlichen Meilenstein in der Geschichte der Wiener Bürgerwehr stellte die im Jahr 1806 erlassene Grundverfassung dar. Sie wurde unter Bürgermeister Stephan Wohlleben veröffentlicht und beruhte auf einem bereits im Jahr 1803 ausgearbeiteten Entwurf, der nach Änderungen durch Kaiser Franz II. genehmigt worden war.

Mit dieser Grundverfassung erhielt die Bürgerwehr eine verbindliche organisatorische Grundlage. Ziel war es, die verschiedenen Formationen der Bürgermiliz zu vereinheitlichen und ihre Aufgaben, Zuständigkeiten sowie Führungsstrukturen klar zu regeln.

Die Bürgermiliz gliederte sich nun in sieben Hauptformationen:

  • Artillerie-Bombardier-Korps
  • Bürgerregiment
  • Stadtmiliz
  • Bürger-Grenadier-Division
  • Scharfschützenkorps
  • Kavalleriekorps
  • Korps der Akademie der bildenden Künste

Diese Organisationsstruktur verdeutlicht den hohen Grad an Differenzierung, den die Wiener Bürgerwehr zu Beginn des 19. Jahrhunderts erreicht hatte. Neben den klassischen Infanterieverbänden bestanden spezialisierte Truppenteile für unterschiedliche Aufgabenbereiche, wodurch die Einsatzmöglichkeiten der Bürgergarde erheblich erweitert wurden.

Besondere Bedeutung kam den Grenadier- und Scharfschützeneinheiten zu, die innerhalb der Bürgermiliz als Eliteformationen galten. Die Artillerie verfügte über eigene organisatorische Strukturen, während das Kavalleriekorps berittene Aufgaben wahrnahm. Das Korps der Akademie der bildenden Künste stellt darüber hinaus ein bemerkenswertes Beispiel für die Einbindung verschiedener gesellschaftlicher Gruppen in die Verteidigungsorganisation der Stadt dar.

Die Grundverfassung von 1806 bildete den organisatorischen Höhepunkt der Wiener Bürgerwehr. Sie fasste jahrhundertelang gewachsene Traditionen in einem modernen Regelwerk zusammen und schuf die Grundlage für die weitere Entwicklung der Bürgergarde bis zu ihrer Auflösung in der Mitte des 19. Jahrhunderts.

Josef Mathias Aigner (1818-1886), Kommandant der Akademischen Legion, 1848

12. Bewaffnung und Uniformierung im frühen 19. Jahrhundert

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts erreichte die Wiener Bürgerwehr ihre größte organisatorische Ausdehnung. Mit den Reformen dieser Zeit gingen auch Veränderungen in Bewaffnung und Uniformierung einher, die sowohl militärischen als auch repräsentativen Anforderungen Rechnung trugen.

Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts entsprach die Bewaffnung der Bürgerwehr weitgehend jener der kaiserlich-königlichen Armee. Eigene Waffenmodelle lassen sich für diese Zeit kaum nachweisen. Häufig wurden ausgesonderte oder ältere Militärwaffen übernommen und weiterverwendet. Diese Praxis entsprach dem Charakter der Bürgerwehr als städtische Miliz, deren Hauptaufgabe nicht der Fronteinsatz, sondern die Verteidigung der Stadt und die Unterstützung regulärer Truppen war.

Mit dem wachsenden Selbstbewusstsein der Wiener Bürgerschaft entstanden jedoch zu Beginn des 19. Jahrhunderts zunehmend eigenständige Ausrüstungsmerkmale. Besonders bei den Blankwaffen orientierte man sich zwar weiterhin an militärischen Vorbildern, entwickelte jedoch teilweise charakteristische Ausführungen für einzelne Korps.

Die ritterlich-bürgerlichen grünen Scharfschützen galten als die prestigeträchtigste Formation der Wiener Bürgerwehr. Ihre Uniform bestand aus einem schwarzledernen Helm mit vergoldeten Beschlägen und einer rot-grünen Kammquaste. Dazu trugen sie einen grünen Rock mit roten Aufschlägen sowie gelbe Beinkleider. Die Offiziere führten aufwendig gestaltete Säbel, deren Griffstücke häufig mit Adlerkopfverzierungen ausgestattet waren.

Das um 1800 aufgestellte Natorpsche ritterlich-bürgerliche graue Scharfschützenkorps unterschied sich durch seine graue Uniform mit grünen Aufschlägen. Auch hier gehörte ein Säbel zur Standardbewaffnung. Beide Scharfschützenkorps genossen innerhalb der Wiener Bürgerwehr ein hohes gesellschaftliches Ansehen und waren eng mit dem städtischen Bürgertum verbunden.

Das Kavalleriekorps trug schwarze Raupenhelme, blaue Röcke mit roten Aufschlägen sowie weiße Beinkleider. Als Seitenwaffe führten die Angehörigen eisenmontierte Pallasche, die jenen der kaiserlichen Kavallerie ähnelten. Die Uniformierung orientierte sich bewusst an den zeitgenössischen Eliteverbänden der Monarchie.

Eine Besonderheit stellte das Ungarische Korps dar. Seine Angehörigen waren mit Husarensäbeln des Musters 1765 ausgerüstet, die größtenteils aus älteren Beständen der Zeughäuser stammten. Obwohl einzelne Bestandteile der Waffen verändert wurden, blieb ihr charakteristisches Erscheinungsbild weitgehend erhalten. Die Bewaffnung und Uniformierung dieses Korps unterstrichen den besonderen repräsentativen Charakter der Einheit.

Die Uniformen der Wiener Bürgerwehr dienten nicht allein militärischen Zwecken. Sie waren zugleich Ausdruck des gesellschaftlichen Status ihrer Träger und spiegelten das ausgeprägte Traditionsbewusstsein der Wiener Bürgerschaft wider. In einer Zeit, in der militärische Zeremonien und öffentliche Auftritte eine wichtige Rolle spielten, kam der äußeren Erscheinung der einzelnen Korps erhebliche Bedeutung zu.

Helm der Wiener Bürgergarde 1806
Helm der Wiener Bürgergarde 1806

13. Das Ende der Wiener Bürgerwehr

Die Ereignisse des Revolutionsjahres 1848 markierten den letzten bedeutenden Einsatz der Wiener Bürgerwehr. Die politischen Umwälzungen, die zahlreiche Staaten Europas erfassten, führten auch in Wien zu tiefgreifenden Veränderungen. Forderungen nach politischen Reformen, bürgerlichen Freiheiten und einer Neuordnung der staatlichen Verhältnisse prägten das öffentliche Leben.

In diesem Spannungsfeld geriet die Bürgerwehr in eine schwierige Lage. Einerseits verstand sie sich traditionell als Vertreterin der Wiener Bürgerschaft, andererseits war sie Teil der bestehenden staatlichen Ordnung. Die politischen Entwicklungen des Jahres 1848 machten deutlich, dass die bisherigen Organisationsformen der städtischen Milizen nicht mehr den Anforderungen eines modernen Zentralstaates entsprachen.

Nach der Niederschlagung der Revolution entschied die Regierung, die Bürgerwehr aufzulösen. Kaiser Franz Joseph I., der noch im selben Jahr den Thron bestiegen hatte, verfolgte das Ziel, die militärische Gewalt stärker in den Händen staatlicher Institutionen zu konzentrieren. Unabhängige oder halbautonome bewaffnete Bürgerverbände passten nicht mehr in dieses Konzept.

Mit der Auflösung der Wiener Bürgerwehr endete eine mehrere Jahrhunderte währende Tradition städtischer Selbstverteidigung. Die Aufgaben der Bürgergarde wurden zunehmend von staatlichen Militär- und Polizeieinrichtungen übernommen, die im Verlauf des 19. Jahrhunderts weiter ausgebaut wurden.

Auch das Bürgerliche Zeughaus am Hof verlor seine ursprüngliche Funktion. Das Gebäude wurde der Wiener Feuerwehr übergeben, die dort ihren Hauptsitz einrichtete. Damit blieb zumindest der historische Ort eng mit der Geschichte der städtischen Sicherheitsorganisationen verbunden.

14. Schlussbetrachtung

Die Wiener Bürgergarde zählt zu den bedeutendsten Institutionen der städtischen Geschichte Wiens. Über mehrere Jahrhunderte hinweg verband sie militärische, sicherheitspolitische und repräsentative Aufgaben und entwickelte sich zu einem wichtigen Ausdruck bürgerlicher Identität.

Ihre Ursprünge reichen bis in das Mittelalter zurück, als die Verteidigung der Stadt eine gemeinsame Pflicht aller wehrfähigen Bürger war. Im Laufe der Zeit entstand daraus eine zunehmend organisierte und differenzierte Institution, die sich den politischen, gesellschaftlichen und militärischen Veränderungen ihrer Epoche anpasste.

Die Geschichte der Bürgergarde verdeutlicht zugleich den Wandel städtischer Herrschafts- und Sicherheitsstrukturen. Während sie in früheren Jahrhunderten einen unverzichtbaren Bestandteil der Verteidigung Wiens darstellte, verlor sie mit der Professionalisierung der Armeen und der Entstehung moderner Polizeiorganisationen schrittweise an militärischer Bedeutung. Ihre repräsentative Funktion blieb jedoch bis zu ihrem Ende erhalten.

Besonders ihre prächtigen Uniformen, ihre vielfältigen Korps und ihre Beteiligung an öffentlichen Feierlichkeiten machten die Bürgerwehr zu einem festen Bestandteil des Wiener Stadtbildes. Gleichzeitig spiegelte ihre Entwicklung das Selbstverständnis einer Bürgerschaft wider, die über lange Zeit hinweg eine aktive Rolle im öffentlichen Leben der Stadt spielte.

Mit der Auflösung im Jahr 1848 verschwand die Bürgergarde als Institution, nicht jedoch aus dem historischen Gedächtnis Wiens. Die erhaltenen Waffen, Uniformen und Ausrüstungsgegenstände sowie die zahlreichen schriftlichen und bildlichen Quellen ermöglichen bis heute einen eindrucksvollen Einblick in die Geschichte einer Organisation, die über Jahrhunderte hinweg das öffentliche Leben der Stadt mitprägte.

Die Wiener Bürgergarde steht damit beispielhaft für die Entwicklung städtischer Wehrorganisationen im mitteleuropäischen Raum und bleibt ein bedeutendes Zeugnis der politischen, militärischen und gesellschaftlichen Geschichte Wiens.